Verlängerte Konfrontationstherapie für PTB

Wenn auch die positiven Auswirkungen von Konfrontationsverfahren bei der PTB (Posttraumatische Belastungsstörung) vielerorts beschrieben sind (Foa & Meadows, 1997; Grunert, Matloub, Sanger, & Yousif, 1990; Grunert & Dzwierzynski, 1997; Weis, Grunert, Rusch, 2000), es ist festzuhalten, dass nicht alle Patienten auf diese Methode ansprechen (Grunert, Smucker, Weis, & Rusch, im Druck).

Da Konfrontationsverfahren von einer Anzahl an Patienten, die unter der PTB leiden, eher abgelehnt werden, erfahren sie in der klinischen Praxis nur eine limitierte Anwendung (Becker & Zayfert, 2001; Grey, Young, Holmes, 2002). 

Eine Befragung  (Becker, Anderson, & Love, 2001) ergab, dass die Mehrheit von Klinkern in KVT, der Anwendung von Konfrontationsverfahren Gegenüber der PTB Behandlung entweder eher abgeneigt war oder völlig davon absah. Gründe sind Bedenken hinsichtlich einer Symptomverstärkung und/oder einer Retraumatisierung. Als ebenso besorgniserregend sind die vielen Therapieabbrüche von Patienten mit einer PTB, die eine Konfrontationstherapie machen,  anzusehen. Gemäß einer neueren Effektivitätsstudie (Zayfert, Becker, Gillock, & Schnurr, 2001) brachen ca. 40% der Studienteilnehmer mit einer PTB ihre Konfrontationstherapie ab.

Wenn Furcht nicht die hauptsächliche PTB Emotion ist

Eine grundlegende Annahme, auf der die Konfrontationstherapie mit Traumapatienten beruht, ist, dass Furcht ihre vorherrschende PTB Emotion ist und dass Vermeidung ihre Primäre Bewältigungsstrategie darstellt (Foa & Kozak, 1986).

Schließlich zeichnet sich die Konfrontationstherapie durch ihre lange und gut dokumentierte Erfolgsgeschichte bei der Behandlung von Phobien aus. Bei Phobien ist gerade das Zusammenspiel von Furcht und Vermeidung entscheidend für die Entwicklung und die Aufrechterhaltung der phobischen Angst.

Die Grundannahme aber, dass Furcht immer die vorherrschende Emotion ist, die einer PTB Symptomatik zugrunde liegt und sie aufrechterhält, bedarf einer neuerlichen Überprüfung.

Die empirische Literatur scheint die PTB als komplexer als phobische Störungen darzustellen. Andere Emotionen als Furcht werden häufig als primäre Bestandteile der Störung beschrieben, so Schuld, Scham, Ekel, das Brechen der geistigen Integrität (mental defeat), und Wut (Brewin, Andrews, & Rose, 2000; Dunmore, Clark, & Ehlers, 1999; Ehlers, Maercher, & Boos, 2000; Foa, Riggs, & Massie, 1995; Grey, Young, & Holmes, 2002; Lee, Scragg & Turner; 2001; Leskela, Dieperink, & Thuras, 2002; Novaco & Chemtob, 2002).
Eine Studie von Grunert, Smucker, Weis und Rusch (2003) zeigte kürzlich, dass 14 Sitzungen einer Konfrontationstherapie bei einem Opfer eines Industrieunfalls, dessen PTB als hauptsächlich von Wut geprägt und aufrechterhalten eingeschätzt wurde, zu einer Symptomverstärkung der PTB Symptome führte.

Anschließend gelang eine vollkommene Symptomremission nach nur einer Sitzung mit der Imagery Rescripting – einer Imaginationbehandlung, die auf kognitive Umstrukturierung abzielt, und PTB assoziierte Wutkognitionen aktivierte, modifizierte und verarbeitete. In der Behandlung eines zweiten Opfers eines Industrieunfalls, dessen hauptsächliche PTB Emotion als Schuld eingeschätzt wurde, zeigte sich nach zwei Konfrontationssitzungen eine Symptomverstärkung.  Auch in diesem Falle zeigte sich eine eindrucksvolle Symptomreduktion nach nur einer Imagery Rescripting Sitzung, in der durch das Imaginationsverfahren die entsprechenden Schuldkognitionen aktiviert, modifiziert und verarbeitet wurden.

Diese Befunde sind ganz besonders wertvoll in Anbetracht der vielen Effektivitätsstudie der letzten 15 Jahre von Grunert und seinen Mitarbeitern, in denen die Wirksamkeit der Konfrontationstherapie mit Opfern von Industrie- und Verkehrsunfällen beschrieben wird, die unter der PTB leiden (e.g., Grunert et. al,, 1990, Grunert, Devine, Smith, Matloub, Sanger, & Yousif, 1992; Grunert, Devine, Matloub, Sanger, Yousif, Anderson, Roell, 1992; Grunert, Hargarten, Matloub, Sanger, Hanel, Yousif, 1992; Grunert & Dzwierzynski, 1997).

Eine retrospektive Analyse der von Grunert und seinen Mitarbeitern  seit 1988 veröffentlichten Konfrontationstherapie - Studien (Grunert & Grunert, Manuskript in Arbeit) offenbart eindrucksvoll ein Zusammenhangsmuster hinsichtlich der Konfrontationstherapie und den Patienten, die profitierten bzw. nicht profitierten:

  1. War Furcht die vorherrschende PTB Emotion und Vermeidung die primäre Bewältigungsstrategie so war die Konfrontationstherapie zu 90% erfolgreich;
  2. War die vorherrschende PTB Emotion nicht Furcht (z.B. Wut, Schuld, Scham, Ekel), dann war die Konfrontationstherapie zu weniger als 20% erfolgreich.

Diese Ergebnisse legen eine differentielle Indikation von Interventionen nahe, je nachdem ob Furcht oder andere negative Emotionen im Vordergrund stehen.

Dieser Gedankengang wird durch neurobiologische Studien unterstützt. Diese zeigen, dass sich die zugrundeliegenden neuronalen Korrelate von Furcht und anderen negativen Emotionen unterscheiden.

Limbische Strukturen (z.B. die Amygdala) spielen bei der Verarbeitung von Furcht eine Rolle, während bei der Verarbeitung komplexerer negativer Emotionen wie Schuld, Scham und Abscheu höhere kortikale Strukturen (z.B., der frontale Neocortex) involviert sind (Beauregard, Lévesque, & Beourgoin, 2001; Damasio, 1998).